Kunst von Jennifer Elser & Mo Demeter/Silbernagel, Talks & Sounds.
Vernissage, Do 30.10. 18:00 – 21:00
Finissage, Sa 29.11. 18:00 – 21:00
Öffnungszeiten, Do / Fr / Sa 14:00 – 18:00
Kulturmuseum Bern, Schützenweg 22

Alle reden vom Umdenken. Wir machen es. Die Kunst von Jennifer Elser steht im Zentrum der Ausstellung «Mindshift». Sie stellt uns mit Fragmenten. verletzlichen Werken und spontanen Arbeiten in Frage. Ihre Objekte, Bilder und Installationen fordern nach Interpretation und Veränderung. Sie entziehen sich dem Gewohnten und schaffen Spielräume.

Die mittelalterliche Türe von Mo Demeter/Silbernagel ist deine Einladung, Neuland zu betreten. Wer sie durchschreitet, verlässt nicht nur einen Raum, sondern erlebt möglicherweise auch eine Transformation. Über das kollektive Durchschreiten von Türen wird anlässlich der Vernissage Bundesverwaltungsrichter Marc Steiner ein paar Worte an uns richten.

«Mindshift» ist nicht nur Ausstellung, sondern am Do 20.11. 19:00 Uhr auch Start der Gesprächsreihe «Abends im Museum» Fragen in die Nacht. Das Kulturmuseum Bern wird zukünftig jeden Monat Menschen zum öffentlichen Dialog einladen.

«Kein Thema» ist der Titel des Kulturstammtischs von Eric Facon am Fr 07.11. 19:00 Uhr im Gespräch mit Matto Kämpf, Raphael Urweider und Chantal Bolzern.

Wenn es am Sa 15.11. 20:00 Uhr heisst «Binggis macht Musik» (Mani Porno/Melker), solo und akkustisch, ist dein Mindshift definitiv angesagt. 

Besucherinnen und Besucher besuchen was sie schon kennen. Wenn du kommst, bist du einzigartig. Herzlich willkommen im Kulturmuseum Bern. Der Eintritt ist frei.

Marc Steiner: Mindshift-Rede im Kulturmuseum
vom 30. Oktober 2025 für die Vernissage von Jennifer Elser und Mo Demeter

Geschätzte Damen und Herren

Das hier ist keine Laudatio, sondern der Versuch einer Kontextualisierung. Christoph Balmer hat vorher von Angst gesprochen. Diese Rede bzw. die darin formulierte gedankliche Skizze will auf der Metaebene von der Angst zur Zuversicht führen. Das Projekt «Mindshift Bern» will die Zukunft neu denken. Wenn das geschehen soll, muss gestaltet werden in jeder Form. Die beiden Künstlerinnen tun das ohnehin.

Jennifer Elser gibt uns als studierte Psychologin mit ihren Objekten – unter anderem – die Botschaft mit, dass die Dinge auch ganz anders zusammengesetzt und kombiniert werden können. Aus dieser Erkenntnis bzw. in diesem Bewusstsein ergibt sich die Offenheit, die die Gedankenwelt von «Mindshift» stillschweigend voraussetzt. Dann weiss Jennifer Elser, dass das Bekenntnis zur Fragilität und insbesondere zur eigenen Fragilität als Ressource verstanden werden kann. Ich habe mich gegenüber meinem Lehrer einmal beklagt, dass «Dinge neu denken» uns in einer Form auf uns selbst zurückwirft, die nicht immer angenehm ist. Er hat kurz und knapp gemeint, dass ohne Umarmen der eigenen Fragilität scharfes Denken gar nicht möglich ist. Das schliesst nach meiner Wahrnehmung nahtlos an das an, was uns Jennifer Elser sagen will.

Dann erwartet uns die Tür von Mo Demeter. Wenn Sie übrigens mit meiner Rede nicht zufrieden sind beklagen Sie sich bitte bei ihr; das war ihre Idee. Mo Demeter fordert uns zunächst auf, zu sehen, was ist. Das ist nach meiner Wahrnehmung jedenfalls auch ein Teilgehalt des Titels «Dekodierung der Matrix». Aber dabei soll es nicht bleiben. Die Sichtbarkeit aller Dimensionen unterstützt aber das, was die Tür von uns als Individuen und Kollektiv erwartet. Dasselbe gilt für das Schlüsselloch. Das «durch die Tür gehen» führt zur, ja ist schon Teil der Transformation. Die Angst vor dem Ungewissen wird durch umfassende Neugier und Staunen überwunden. Auch der Leidensdruck im Ist-Zustand hilft uns, Entwicklungsblockaden aufzulösen. Das gilt in gleicher Weise wie die Analyse des Ist-Zustands für alle Dimensionen, also für uns alsIndividuen, aber auch für alle Kollektive, denen wir angehören. Das meint also Vereine, Unternehmen, politische Systeme von der Gemeinde bis zum Bund und am Schluss auch für das Wirtschaftssystem als Ganzes. Den Lebensgesetzen können wir uns – wie Mo Demeter sagt – nicht entziehen. In lateinischer Sprache heisst das: fata volentem ducunt, nolentem trahunt. Das Schicksal führt diejenigen, die offen sind, bzw. bietet ihnen wie ein Elternteil seine Hand an, und diejenigen, die sich verweigern bzw. blockiert sind, werden schliesslich gezogen oder gar mitgeschleift. Am Ende kann sich kein System dem Wandel entziehen. Zugleich muss alles interdependent, also gegenseitig voneinander abhängig, und vernetzt gedacht werden.

Wenn wir nun die Werke der beiden Künstlerinnen auf uns wirken lassen, können wir – psychologisch gesprochen – den Weg von Sigmund Freud über Carl Gustav Jung zu Erich Fromm gehen. Doch was kann dazu ein Systemanalyst mit meiner Prägung beitragen? Die Hypothese ist, dass wir zu oft über individuelle und zu selten über kollektive Transformation sprechen. Zudem werden politische Systeme zu oft als gegeben bzw. nicht veränderbar wahrgenommen. Gerade heute muss uns aber klar sein, dass unsere Demokratie uns nicht einfach geschenkt ist. Sie muss kuratiert werden. Vom deutschen Staatsrechtler Ernst Wolfang Böckenförde stammt der berühmte Satz, dass die Verfassung von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht garantieren kann. Auch der Rechtsstaat ist nicht gottgegeben, wie die allerneuste amerikanische Geschichte deutlich zeigt. Die Bedeutung der Institutionen sollten wir uns aus diesem Anlass neu bewusst machen. Aber der Kern der Transformation der Tür von Mo Demeter bildet, soweit es sich um kollektive Transformation handelt, das Wirtschaftssystem. Um diesen Prozess anzugehen, brauchen wir Chancenbewusstsein. Dieses setzt wiederum voraus, dass wir wissen und im Bewusstsein leben, dass es mehrere Varianten von Marktwirtschaft bzw. von Kapitalismus gibt. Milton Friedman und Ludwig Erhard waren zwar beide Kapitalisten, aber sie hatten ein ganz anderes Bild vom economy design der Marktwirtschaft. Das heisst aber auch, dass die aktuell gelebte Variante von Marktwirtschaft keinesfalls gottgegeben oder naturgesetzlich ist. Auch dieses System können wir gestalten. Paradoxerweise beinhalten gerade auch negative Ereignisse unerwartete Chancen. Wir haben aus der Coronakrise viel über Lieferkettenmanagement gelernt, erzählen diese Geschichte aber zu wenig. Putin verdanken wir – obwohl das sicher nicht sein Ziel war – im Ergebnis eine einigermassen glaubwürdige Energiewende. Ohne Ukrainekrieg wäre die Volksabstimmung zum Stromgesetz sicher weniger deutlich ausgefallen. Als Folge davon feiern wir jetzt erst recht «Smart Energy Party». Und dank Trump führen wir jetzt erstmals ernsthaft die Debatte zur digitalen Souveränität und zum Umgang mit Abhängigkeiten von grossen US-big tech-Anbietern. Das wäre so vor fünf Jahren ohne den entsprechenden Leidensdruck noch nicht möglich gewesen. Mit anderen Worten stimmt mich diese Analyse zuversichtlich und sie soll auch Sie zuversichtlich stimmen, dass es immer wieder einen richtigen Moment gibt, um ins System zu langen und dieses positiv zu verändern. Nur so können wir das tun, wozu die Tür von Mo Demeter uns einlädt.

Das war der gedankliche Bogen, den ich ihnen mit Worten skizzieren wollte. Und nun wünsche ich Ihnen einen inspirierenden und inspirierten Abend!

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